Schulkonsens: Sekundarschule

Gemeinsamer Brief vom Grünen-Landesvorsitzenden Sven Lehmann, Bildungsministerin Sylvia Löhrmann und der Parlamentarischen Geschäftsführerin Sigrid Beer zum zwischen Grünen, SPD und CDU verabredeten Schulkonsens.

Liebe Freundinnen und Freunde,

gestern haben Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), der Parteivorsitzende Norbert Röttgen (CDU), der Fraktionsvorsitzende Karl-Josef Laumann (CDU) und Schulministerin Sylvia Löhrmann (GRÜNE) den Schulkonsens für NRW der Öffentlichkeit vorgestellt, heute haben die drei Fraktionen einen gemeinsamen Antrag mit den “Gemeinsamen Leitlinien” in die Plenardebatte eingebracht. Der grüne Koalitionsausschuss und die Landtagsfraktion haben das Ergebnis jeweils einstimmig gebilligt.

Der ausgehandelte Kompromiss ist ein historischer Durchbruch für unser Land. Er beendet den ideologischen Kampf, der seit über 40 Jahren in NRW um  die Schulstruktur herrschte. Er ist aber nicht einfach ein Kompromiss der Regierungsparteien mit der größten Oppositionspartei, sondern ein großer Wurf, der den Weg frei macht für eine gelingende Schulentwicklung, mehr längeres gemeinsames Lernen ermöglicht und den Kommunen einen sicheren Rahmen und eigene Steuerungsmöglichkeiten gibt.

Mit der  Sekundarschule wird eine neue Möglichkeit geschaffen, auf den demografischen Wandel und das veränderte Elternwahlrecht zu reagieren und ein attraktives wohnortnahes Schulangebot in der Sekundarstufe I zu sichern. 

  • In der Sekundarschule wird in den Klassen 5 und 6 auf jeden Fall gemeinsam gelernt, anschließend wird entweder integriert, teilintegriert oder nach Bildungsgängen getrennt unterrichtet.  
  • Die Sekundarschule orientiert sich in den Lehrplänen an Gesamt- und Realschulen; sie muss gymnasiale Standards bieten, allerdings muss nicht  jede/r SchülerIn in Klasse 6 die zweite Fremdsprache wählen, genauso wie in der Gesamtschule.  
  • Im Zuge der Verhandlungen haben SPD und GRÜNE auf den Namen Gemeinschaftsschule verzichtet, um einen Konsens zu ermöglichen. Wichtiger war uns, dass sowohl das gemeinsame Lernen wie auch die gymnasialen Standards enthalten sind.  
  • Für die Gründung von Sekundarschulen soll der regionale Konsens gesucht werden. In Konfliktfällen soll ein Mediationsverfahren nach dem Modell des Städte- und Gemeindebundes greifen. Vetorechte wird es nicht geben, auch weil dies mit  unserem Kommunalverfassungsrecht nicht vereinbar wäre. 
  • Wie im Schulversuch muss die Sekundarschule verbindliche Kooperationen zu gymnasialen Oberstufen entweder eines Gymnasiums, einer Gesamtschule oder eines Berufskollegs haben. Die Erfahrung des Modellvorhabens hat gezeigt, dass nur 2 von 12 Gemeinschaftsschulen eine eigene Oberstufe planen. Hierfür mussten sie mindestens vierzügig sein. Damit entsprechen sie der Gesamtschule.  
  • In Zukunft sollen Schulen, die beide Sekundarstufen im gemeinsamen Lernen anbieten (Sek. I und II), als Gesamtschulen gegründet werden. Die notwendige Mindestgröße wurde von 112 auf 100 SchülerInnen gesenkt und damit die Gründung erleichtert. Damit gibt es die Möglichkeit, integrative Schulen je nach Schülerzahl entweder als Schule der Sekundarstufe I (Sekundarschule) oder als Schule der Sekundarstufen I und II (Gesamtschule) zu gründen. 

Die Sekundarschule entspricht in wesentlichen Teilen dem, was wir mit der Gemeinschaftsschule als Modellvorhaben auf den Weg gebracht haben. Der Bildungsforscher Ernst Rösner kommentierte den Schulkonsens in der RP mit den Worten: “95 Prozent von dem, was die Gemeinschaftsschule vorsah, werden nun möglich.” Die CDU hat auf ihr bislang bevorzugtes Modell der Verbundschulen zugunsten der Sekundarschule verzichtet. 

Die Leitlinien beinhalten außerdem eine Reihe weiterer Punkte: 

  • Bestehende Verbund- und Gemeinschaftsschulen genießen Bestandschutz.  
  • Für Gemeinsames Lernen von Klasse 1 bis 10 wird ein neues Modellvorhaben ermöglicht. 
  • Die Klassengrößen werden in der Sekundarschule bei 25 liegen und der Klassenfrequenzwert für Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien werden schrittweise auf 26 gesenkt, für Grundschulen auf 22,5.  
  • Zur Sicherung kleiner Schulstandorte sollen differenzierte Lösungen erarbeitet werden. 
  • Über die Grundstellenzuweisung hinaus sollen kriteriengeleitete Ansätze wie der Sozialindex ausgebaut und aktualisiert und um einen Inklusionsindex ergänzt werden, damit die Schulen entsprechend der jeweiligen besonderen Herausforderung ausgestattet werden.  
  • CDU, SPD und GRÜNE haben sich verpflichtet, keine Schulform von Landesseite abzuschaffen und in der Verfassung die Hauptschulgarantie in Artikel 12 zu streichen. Die Streichung des Gliederungsgebotes in Artikel 10 war nicht möglich, dafür werden nun aber erstmals auch integrierte Schulformen in der Verfassung verankert. Die CDU verzichtete auf die Forderung der expliziten Aufnahme von Realschule und Gymnasium in der Verfassung. 
  • Gleichzeitig bekräftigen CDU, SPD und GRÜNE die gemeinsame Position zur Inklusion und dem daraus erwachsenden Prozess.  

Liebe Freundinnen und Freunde,

dieser Schulkonsens ist ein Erfolg für die Menschen und das Land. Es ist auch ein Erfolg für uns Grü-ne. Wir haben schon seit längerem auf eine Schulentwicklung von unten gesetzt, die Kommunen und Schulen ermöglicht, passgenaue Lösungen zu finden. Wir haben uns schon vor der Wahl für einen Konsens eingesetzt. Sylvia Löhrmann hat als Schulministerin die Bildungskonferenz mit über 50 Verbänden und Organisationen moderiert, die nach über einem halben Jahr intensiven Arbeitsprozesses gemeinsame Empfehlungen an die Politik übergeben hat. Mit dem Modellvorhaben Gemeinschaftsschule haben wir den Knoten gelöst, mit dem schwarz-gelb innovative Schulentwicklung blockiert hatte und einen äußerst dynamischen Prozess in Gang gesetzt. Mehr längeres gemeinsames Lernen, Offenhalten der Schullaufbahn, gymnasiale Standards in den Sekundarschulen, verbindlicher Anschluss an gymnasiale Oberstufen oder direkt Sekundarstufen I und II mit geringeren Errichtungsgrößen für die mindestens vierzügige Gesamtschule. Das ist ein Erfolg!

Bis jetzt haben sich bereits über 100 Kommunen im Ministerium gemeldet, die Pläne für eine Gemeinschaftsschule haben. Der Schulkonsens bietet eine gute Grundlage für die zukunftsfähige Gestaltung der Schulentwicklung durch die Kommunen. Der Schulfrieden bietet auch die nötige Ruhe und Verlässlichkeit. Wir sind der festen Überzeugung, dass die neue Struktur mehr Chancengerechtigkeit und Leistungsfähigkeit bringt und dass sich längeres gemeinsames Lernen nun vor Ort durchsetzen wird. Für diesen Prozess in den Kommunen habt ihr unsere volle Unterstützung und Rückendeckung. Wir werden uns vor Ort dafür einsetzen, dass die Kommunen diese Chance ergreifen und sich für eine innovative, gerechtere, demografiefeste und leistungsstärkere Schulentwicklung entscheiden. 

Im August werden zwei gemeinsame Gesetzentwürfe zur Änderung der Verfassung und des Schulgesetzes erarbeitet. Sie werden in einer Sondersitzung des Landtags am 9. September eingebracht und in einer umfangreichen Expertenanhörung am 5. Oktober beraten. Geplant ist die Verabschiedung für den 19. Oktober. Damit hätten die Kommunen, in denen die Planungen für das nächste Schuljahr bereits im Herbst anlaufen die raschestmögliche Planungssicherheit. Am 8. Oktober wird unser Landesparteirat die Schulpolitik als Schwerpunkt aufgreifen. Wir freuen uns auf eine spannende Debatte mit und Rückmeldungen von Euch! Anbei findet Ihr die zwischen uns, der SPD und der CDU vereinbarten „Gemeinsamen Leitlinien“.

Mit herzlichen grünen Grüßen und guten Wünschen für die Sommerferien:
Sylvia Löhrmann MdL, Sigrid Beer MdL, Sven Lehmann

 

Quelle: www.gruene-nrw.de

Haushaltsrede SPD 2011

Jetzt wissen wir es: das Licht am Ende des Tunnels IST der entgegenkommende Zug. Darauf die CDU als Lokführer und die FDP als Heizer. Es ist zwar eine E-Lok, aber solche Feinheiten haben die FDP noch nie gestört, wenn sich die Gelegenheit bot, auf dem Führerstand mitzufahren. In der ersten Klasse sitzt die UWV, sieht zwar nicht, wohin die Fahrt geht (logisch, wir sind ja im Tunnel), aber jubelt, weil der Zug Fahrt aufnimmt. Und auf dem Stellwerk eine verzweifelte Verwaltung, die realisiert, dass vor Zeiten die Weichen falsch gestellt wurden, sie jetzt aber keine Chance mehr hat, den Crash zu verhindern.
„Die vorstehenden Zahlen machen deutlich, wie desasaströs die städtische Haushaltssituation sich aktuell darstellt“ sei aus der Vorlage zitiert – das also ist die Bilanz aus zwölf Jahren Haushaltsverantwortung der CDU bzw. der CDU/FDP. (Obacht, Frau Daniel, jetzt kommt der Geschichtsunterricht)
Als vor zwölf Jahren das fünfjährige rot-grüne Intermezzo zu Ende ging, war der Haushalt ausgeglichen und es gab allgemeine Rücklagen. Die waren unter CDU-Verantwortung schnell aufgebraucht, es wurde ein von Jahr zu Jahr immer größer werdendes strukturelles Defizit aufgebaut, dass dann endlich Anfang des Jahrtausends schon einmal in den Nothaushalt führte. Da raus kam die Stadt nur mit Hilfe des NKFs und seiner Regelungen: vom bilanzierte
Eigenkapital dürfen jährlich 4,99 Prozent verfrühstückt werden, solange bis alles weg ist, wir hätten also 20 Jahre Zeit gehabt…
Der Kämmerer rechnete schön spitz, um auch ja unter dieser Grenze zu bleiben – aber auch das ging nur drei Jahre gut und jetzt stehen wir schließlich vor dem Offenbarungseid. Und natürlich will es wieder keiner gewesen sein… Schuld sind die Anderen: der böse Kreis, das böse Land, der böse Bund. Wobei der Hauptprügelknabe immer davon abhängig ist, welcher Partei man angehört: die FDP kann trefflich auf die „Koalition der Bequemlichkeit“ im Kreis schimpfen, da die CDU sie ja als Braut verschmäht hat. Bei der CDU ist seit einem Jahr wieder sehr das Land en vogue – da sammelt man Pluspunkte, wenn man sich öffentlich
rühmen kann, mittels Klagen und ähnlicher Mittel die Minderheitsregierung am
Durchregieren und damit an der Auszahlung von Entlastungen zu hindern, um dann im Rat die Klage zu führen, das Land täte nichts für die Kommunen … Was angesichts von 1,3 Milliarden, die das Land zusätzlich für die Städte und Gemeinden bereitstellen will argumentativ nur schwer zu halten ist. Welche Auswirkungen die „Am-Durchregieren-Hindern-Politik“ der Landtagsopposition für Euskirchen hat, hat Herr Dr. Heinz ja vor zwei
Tagen im Planungsausschuss mehr als plastisch dargestellt.
Zwei Schlaglichter machen deutlich, wie schwarz-gelbe Haushaltspolitik im Rat der Stadt Euskirchen aussieht: da wurde im vergangenen Jahr bei ZIM die betriebswirtschaftlich kalkulierten Mieten um zehn Prozent gekürzt – trotz eindringlicher Warnung davor, dass sich so die Abschreibungen und damit die notwendigen Instandhaltungsarbeiten nicht mehr refinanzieren ließen. Ein halbes Jahr später wird dann im Betriebsausschuss auf die Betriebsführung eingeprügelt, sie täte zu wenig für den Unterhalt der städtischen Liegenschaften. Und immer wieder die Frage, ob nicht ein anderer mit noch weniger Geld mehr Instandsetzung leisten könne – Herr Voussem, Herr van Bahlen, bislang habe ich Sie trotz aller politischer Differenzen als Vernunft begabte Menschen erlebt – es fällt mir schwer, anzunehmen, dass Sie sich diesen Zaubertrick selber glauben…
Der zweite Punkt ist die leidige Hebesatzdebatte, die wir in diesem Jahr ausfechten mussten. Die Mehrheit verweigert sich schlicht der Realität, dass die Einnahmebasis verbreitert werden muss. Wobei die Taktik zugegeben nicht unklug war: über die von der Verwaltung vorgeschlagene Erhebung der Gewerbesteuer wurde einfach nicht weiter diskutiert, obwohl
hier Millionen an Mehreinnahmen zu generieren wären. Stattdessen kapriziert man sich auf die Grundsteuer, argumentiert, die gut 300.000 Euro Mehreinnahmen könnten den Haushalt nicht retten und stellt die böse SPD als raffgierige Steuererhöher hin, die selbst dem ärmsten
Mieter noch in die Tasche greifen will. Nicht schlecht: das eigene Klientel geschützt, sich aber öffentlich als Beschützer der Witwen und Waisen präsentiert…
Wobei gerade die Argumentation der FDP eine feine Ironie beinhaltet: da wird der Beschluss als Sieg der kommunalen Selbstverwaltung gefeiert, ein Sieg, der schnurstraks in die bedingungslose Kapitulation, sprich das Nothaushaltsrecht führt.
Meine Fraktion hat sich in den vergangenen Jahren stets ernsthaft in die Haushaltsberatungen eingebracht. Was vernünftig war, konnten wir mittragen, weil uns Fundamentalopposition zu billig ist. Daneben haben wir auch immer eigene Anträge eingebracht, wie sich die Stadt für wenig Geld weiter entwickeln lässt. Auch in diesem Jahr hatten wir bis zum HFA im März auf dieser Linie weitergearbeitet, um dann angesichts des Nothaushaltes unsere Anträge
wieder einstampfen zu müssen. (Vorsicht, Frau Daniel, wir wechseln schleichend über zum Fach Sozialkunde). Aber wir sind und bleiben Opposition ohne Gestaltungsmehrheit.
Hans-Jochen Weidhaas, Vorsitzender der KBV-Vertreterversammlung, hat das Wesen der Opposition im Mai so schön auf den Punkt gebracht, dass ich mir erlaube zu zitieren: „in einer solchen Welt kommt der Opposition eine wichtige und auch notwendige Bedeutung zu: Ihre Aufgabe ist es, die Regierung kritisch zu begleiten. Zur Opposition gehört andererseits, dass deren Vorstellungen oftmals keine Mehrheit finden und deswegen keine Beschlusskraft erlangen. Das wiederum gehört zum parlamentarischen Alltag.“ Damit müssen wir leben, damit können wir leben. Aber hören Sie dann auch bitte auf damit,
uns die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen. In Ihrem Weltbild ist die deutsche Sozialdemokratie zwar dafür verantwortlich, dass die Dinosaurier ausstarben – für die Finanzentwicklung und für diesen Haushalt sind wir es aber nicht.
Meine Damen und Herren der CDU und der FDP: ich fordere Sie auf, endlich die
Verantwortung für Ihre Beschlüsse zu übernehmen! Wir stellen die Fragen – die Antworten müssen Sie geben!

Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren,
die interfraktionelle Einigung, die Haushaltsreden auf zehn Minuten zu beschränken, kommt mir sehr entgegen – denn was haben wir überhaupt noch zu beraten? Zur Erinnerung: heute ist der 14. Juli, der 195. Tag des Jahres, 53,4% des Jahres also schon verbraucht. Wenn das mit
den Verzögerungen bei den Haushaltsberatungen in diesem Tempo so weiter geht, wird das Sujet der Beratungen 2014 der Haushalt des Jahres 2013 sein – eine reizvolle Vorstellung…
Von Beginn an hat die Politik bei diesem Haushalt im Nebel gestochert – er wurde im Dezember eingebracht, aber gleich mit dem Hinweis versehen, dass er eigentlich schon wieder reif für den Papierkorb ist. Die Vorberatungen im Februar im HFA waren schnell zu Ende, weil die Mehrheit sich weigerte, Verantwortung zu übernehmen. Dann der nächste Versuch mit der Vorlage eines Haushaltsicherungskonzepts und einer Prioritätenliste – wobei
es dazu dann informell hieß, bis Position 140 sei eh nichts mehr zu machen, weil mit diesen Maßnahmen bereits begonnen wurde. Und endlich, sechs Tage vor der Ratssitzung erhalten wir dann auch die endgültig Vorlage und mit Verlaub, die ist in keiner Weise mehr nachvollziehbar. Da tauchen dann plötzlich in
diesem Jahr zusätzliche 7,1 Millionen Euro Gewerbesteuer auf – die aber nur zu einer Haushaltsverbesserung von 3,9 Millionen führen. Herr Bürgermeister, Herr Schmitz, wo sind denn die restlichen 3,2 Millionen in dem Monat seit dem HFA versickert? Im Folgejahr führt dann eine Mehreinnahme von 7,1 Millionen in diesem Jahr zu einer Verschlechterung von 16,2 Millionen, wobei laut Ergebnisplan die Schlüsselzuweisungen aber nur um 11,5
Millionen zurückgehen. Selbst wenn ich Ihre eigene Aussage, die Zuweisungen für 2012 ließen sich gar nicht zuverlässig planen, außer Acht lasse – wo kommt denn die zusätzliche Verschlechterung um 4,6 Millionen her? In der Vorlage schreiben Sie, die Abweichungen beruhen „im Wesentlichen“ auf der Gewerbesteuernachzahlung – sind fünf Millionen Euro unwesentlich?
Ohne jemanden zu nahe treten zu wollen: es drängt sich der üble Verdacht auf, dass diese Defizite schon lange bekannt waren – aber ein wenig schön gerechnet wurden, um den Nothaushalt zu vermeiden. Jetzt, wo das Kind im Brunnen liegt, kann man dann mit der ganzen Wahrheit ans Licht gehen…
Also bewegen wir uns auf der eschatologischen Ebene – die Zahlen kann ich glauben oder auch nicht. Die Konsequenz aus den Zahlen jedenfalls ist verheerend – der Gang in den Nothaushalt ist nicht mehr zu verhindern.
Was haben wir hier und heute also noch zu beraten? Ein Haushaltssicherungskonzept, von dem von vorne herein klar ist, dass es nicht
genehmigungsfähig ist? Eine Prioritätenliste, die in Stein gemeißelt daher zu kommen scheint? Nur der Vollständigkeit halber sei hier vermerkt, dass schon die Basis für Haushaltberatungen mehr als brüchig ist: unsere Eröffnungsbilanz liegt beim Gemeindeprüfungsamt, auf das dieses den Schiedsrichter zwischen Kämmerei und Rechnungsprüfungsamt geben darf. Uns fehlen also nicht weniger als die Jahresabschlüsse 2008, 2009 und 2010. Das ist jetzt
allerdings nur eine Feststellung, kein Vorwurf. Der Kämmerer hat mehrfach glaubhaft darlegen können, dass er und seine Mitarbeiter bis zur Grenze der Belastbarkeit arbeiten. In anderen Fachbereichen sieht es nicht besser aus. Die Stellungsnahme des Personalrates zum Stellenplan spricht Bände: „Weitere Belastungen oder gar gesundheitliche Gefährdungen durch
Aufgabenverdichtungen können nicht hingenommen werden.“ Die Zahl der insgesamt angesammelten Mehrarbeitsstunden hat sich auf über 16.000
angehäuft – das entspräche der Jahresarbeitsleistung von neun bis zehn Angestellten.
Im Nothaushalt besteht jetzt nicht einmal mehr die Chance, Überstunden zu vergüten. Was wollen wir also tun? Die Verwaltung im Ganzen drei Wochen schließen, damit die Überstunden abgefeiert werden können? Und glaubt einer, die Arbeitsbelastung würde sich bessern im Nothaushalt? Wiederbesetzungssperren von einem Jahr werden das Gegenteil bewirken. Wer bezahlt also die Personalpolitik der schwarz-gelben Mehrheit? Im Endeffekt
geht es auf die Knochen der Beamten und Angestellten – das können und wollen wir als Sozialdemokraten nicht mittragen.

Herr Bürgermeister, meine Damen und Herren,
heute ist ein historisches Datum – der 14. Juli. Bevor ich morgen in der Zeitung lesen darf „SPD ruft zur Revolution und zum Sturm auf das Rathaus auf“, die Parallele liegt darin, dass das ancien regime völlig abgewirtschaftet hat. Die Antworten, die die Mehrheit in diesem Rat und die Verwaltung noch geben können haben die Qualität jenes berühmten „Wenn das Volk kein Brot hat, soll es doch Kuchen essen.” der Marie Antoinette. Mit dem Gang in den Nothaushalt geben wir den letzten Rest Gestaltungshoheit ab. Künftig wird die Bezirksregierung in Köln bestimmen, was in Euskirchen läuft. Freiwillige
Leistungen werden gar nicht mehr genehmigt, an Investitionen können wir nur noch das Notwendigste durchführen. Der Verwaltung wird gegenüber der Politik noch mehr Macht zukommen, weil sie es ist, die mit dem Bezirk verhandelt und so einen Informationsvorsprung bekommt, den Politik nie einholen kann. Den kommenden Haushalten wird also mehr oder weniger nur noch eine informelle Rolle zukommen – das wollen wir so nicht mitmachen.
Wir lehnen den Haushalt ab.

Quelle: www.spd-euskirchen.de

Rot-Grün light

Nun ist es amtlich: SPD und Grüne streben in NRW eine Minderheitsregierung an. Mehr als vier Wochen nach der Landtagswahl und nach zahlreichen guten und schlechten Sondierungsgesprächen mit allen Parteien entschlossen sich beide Partein zu diesem Schritt.
Mitte Juli soll nun Hannelore Kraft zur ersten Ministerpräsidentin in der Geschichte des Landes Nordrhein-Westfalen gewählt werden. Theoretisch bedarf es dabei vier Wahlgängen, aber womöglich stimmt die Linke bereits in einem früheren Wahlgang für Kraft.

Was bedeutet diese Minderheitsregierung nun für NRW? Den großen Politikwechsel den sich Grüne und SPD gewünscht und erhofft haben, wird es so nicht geben. Zwar gibt es zusammen mit der Linken Gemeinsamkeiten bei den großen Themen Studiengebühren, Kopfnoten Mitbestimmungsrechten und Schulreform, aber das wars zunächst dann auch. Ein weiterer Politikwechsel lässt sich nur in kleinen Schritten vollziehen. Ich bin gespannt darauf, wie dies praktisch umzusetzen sein wird und welche Mehrheiten zustand ekommen. Denn wenn man nur auf die Linke zugeht, kommt es einer Tolerierung gleich und man hätte auch das Rot-Grün-Rote Experiment wagen können.

Gut an dieser Minderheitsregierung ist aber, dass Jürgen Rüttgers als Ministerpräsident abgelöst wird. Ein so deutlicher Wahlverlierer hat nichts an der Spitze unseres Landes zu suchen. Aber Hannelore Kraft und Sylvia Löhrmann müssen es erstmal besser machen.

Was nun, NRW?

Die Sondierungsgespräche zwischen Grünen, SPD und Linken sind gescheitert. Dies haben Grüne und SPD heute offiziell bekannt gegeben. Wie geht es nun weiter mit unserem Bundesland? Ein kurzer Überblick über die zwei Möglichkeiten:

1. Große Koalition

Die SPD hat die CDU  bereits zu Sondierungsgesprächen über eine  große Koalition eingeladen. Es soll zunächst über Inhalte gesprochen werden. Fest steht aber schon jetzt: Sowohl SPD als auch CDU beanspruchen das Amt des Ministerpräsidenten für sich. Die CDU sieht sich dank ihrer 6000 Wählerstimmen Vorsprung im Recht, die SPD zieht ihren Anspruch aus den 10%igen Verlusten der CDU.

Inhaltlich wie personell scheint es schwierig, jedoch nicht ausgeschlossen, dass beide Parteien sich einigen. Für Nordrhein-Westfalen bedeutet dies aber, dass es keinen echten Politikwechsel geben wird. Kompromisse werden an der Tagesordnung stehen und unser Bundesland somit nicht voranbringen. Die große Koalition in NRW wäre eine Wiederbelebung der großen Koalition im Bund. So etwas braucht unser Land nicht!

2. Neuwahlen

Falls eine große Koalition scheitert, bleiben praktisch nur noch Neuwahlen (es sei denn es bildet sich eine Minderheitsregierung oder die FDP ändert ihre Meinung). Sobald sich der Landtag selbst auflöst, müssen Neuwahlen innerhalb von 60 Tagen stattfinden. Der Ausgang kann als völlig offen angesehen werden. Vielleicht reicht es für Rot-Grün, vielleicht legt aber auch die CDU wieder an Stimmen zu. Ich würde mir  wünschen, dass es nach Neuwahlen klare Mehrheitsverhältnisse gibt und dass die Wahlbeteiligung nicht in den Keller absackt.

Zum Schluss noch ein paar Worte zu Hannelore Kraft: Meinen Respekt, dass Sie sich an Ihre Worte über die Linken gehalten haben. Diese Partei ist in der Tat weder regierungs- noch koalitionsfähig. Die CDU aber auch nicht ;) Neuwahlen für NRW wären der beste Weg!

Und zu den Nichtwählern: Wärt ihr doch wählen gegangen! Wer sich über die jetzige Situation aufregt, ist durch seine Stimmenthaltung selbst mit Schuld.

Wahlkreisprognose zur Landtagswahl VI

Das Portal election.de hat eine aktualisierte Wahlkreisprognose für die Landtagswahl am 09. Mai veröffentlicht. Erneut kann die SPD ihre Aufwärtstendenz bestätigen. Sie gewinnt laut Vorhersage 63 Wahlkreise, 24 mehr als bei der Wahl 2005. Die CDU kommt somit auf 65 Direktmandate (-24).

Berechnet man anhand der letzten Umfragergebnisse der Forschungsgruppe Wahlen (30.04.2010) die Mandatszahl, so ergibt sich folgendes Bild:

CDU: 67
SPD: 65

Weder SPD, noch CDU erzielen mehr Direktmandate als ihnen nach der Zweitstimme zustehen. Die Gefahr von Überhangmandaten erscheint relativ gering und wenn es doch dazu kommen sollte, dann handelt es sich nach derzeitigem Stand nur um einige wenige. Außerdem werden bei dieser Wahl erstmals die Überhangmandate einer Partei mit Ausgleichsmandaten für die anderen Parteien aufgehoben. Die Wählerpräferenzen bleiben also eins zu eins erhalten.

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